Melencholia. Oder: Die wunderbare Welt der kleinen Katze Myrna

Im folgenden Text habe ich mir die Aufgabe gestellt, eine Geschichte zu ersinnen die in einer Welt spielt, die Melancholie als Superkraft betrachtet und extrem zu schätzen weiß.

im Rahmen des Projekts #melancholicenergy entstanden

Ein Lufthauch. Etwas kalt, doch nicht unangenehm oder gar eisig. Eine Brise. Sie singt in den Blättern über meinem Kopf, zerrt an meinem Fell und durchwühlt mein Blätternest. Zeit aufzustehen, säuselt sie. Ich ignoriere sie.

Zeit aufzustehen, ruft sie. Ich drehe mich weg, verstecke meine Schnauze unter den Pfoten.

Zeit aufzustehen, es ist ein so schöner Tag! Das Locken der Brise fegt über mich hinweg und ich höre, wie die Vögel hoch oben mit in den Lobgesang für diesen neuen Tag einstimmen.

Distanz. Dort oben – da wo der Wind tanzt und die Vögel zwitschern. Da beginnt der Tag. Doch noch bin ich nicht bereit. Noch liege ich hier, in meinem Blätternest, im Schutze der Bäume und verstecke mich vorm Tag. Klammere mich an die letzte Hoffnung, er möge mich hier unten vielleicht nicht bemerken. Vielleicht würde er mich heute einfach vergessen. Vielleicht kann ich morgen wieder dabei sein.

Das Laub neben mir raschelt. Etwas bewegt sich. Und während ich noch grüble, ob meine Energie wohl zur Flucht ausreicht, gräbt sich ein Igel aus dem Gebüsch. Seine Knopfaugen schauen mich an, doch er rührt sich nicht. Ich tue es ihm gleich.

Stille.

Fast schon einen Moment zu lang.

Erwartet der Igel, dass ich etwas sage?

Meine Ungeduld wächst.

Warum stört mich der Igel schon so früh am Morgen?

Ehe ich Luftholen und meinen Unmut zum Ausdruck bringen kann, beginnt der Igel sein Hinterteil ganz langsam und behutsam in das Laub um uns herum zu graben. Wir starren uns an, während er ganz allmählich im Laub zu verschwinden beginnt. Bis er plötzlich innehält, zu mir aufsieht und sagt: Liebe Katze, ich möchte dich nicht stören. Ich suche bloß nach einem Plätzchen, an dem ich mich vor dem neuen, schrecklich schönen Tag verstecken kann. Würdest du dein Versteck mit mir teilen?

Da spürte ich es ganz deutlich in mir drin. Erleichterung. Trauer. Verzweiflung. Freude. Für den Moment das schönste Geschenk – sich gegenseitig vorm Tag verstecken, statt zu verraten. Gemeinsam fliehen, statt alleine fremd zu sein. Sich selbst viel zu wenig und dennoch genug sein und für eine Weile darin schwelgen, in stummer Vorfreude auf den morgigen Tag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

%d Bloggern gefällt das: