Melancholie – sinnlose Traurigkeit, oder doch mehr?

Für 7 Wochen hat mich das Stadtteilzentrum Ricklingen eingeladen ihren Bauwagen Mobi Rick (Mobile Stadtteilkultur Ricklingen) in einen Rückzugsort für Melancholie zu verwandeln, mich dem Thema künstlerisch zu widmen und eigene melancholische Songs zu komponieren und recorden.

Melancholie – ganz schön trauriges Thema, mag der ein oder die andere jetzt vielleicht denken. Doch ist es das wirklich?

Als Musikerin waren meine ersten Berührungspunkte mit Melancholie natürlich in der Musik. Klänge, die Gänsehaut erzeugen, Texte, die auch ohne Zusammenhang Emotionen unmissverständlich zu transportieren scheinen und Dynamiken, die das Herz schwellen lassen.
Gerade in der klassischen Musik sind mir stets nicht nur melancholische Melodien, sondern auch Verweise in Titeln oder Kommentare begegnet, die eine direkte Verwandschaft von Melancholie und Musik als gängige Tatsache zu verstehen schienen. Berichte über den großen Melancholiker Beethoven, oder Briefzeilen von Brahms, die von tiefer Trauer und Melancholie zeugen.
Kein Wunder, dass gerade das romantische Bild von Melancholie eng mit Musik verknüpft ist. So wird Melancholie als „Nebenwirkung“ beschrieben, die entsteht, wenn ein Künstler mit seiner großartigen Musik Kontakt zum Überirdischen aufnimmt.

Dabei habe ich bewusst auf einen gegenderten Begriff verzichtet. Sowohl das Komponieren und Musizieren als auch das Empfinden melancholischer Stimmungen als Ausdruck ihrer Genialität wurde dabei ausschließlich Männern zugesprochen.

Scheint Melancholie in der Romantik einem „männlichen Genie“ vorbehalten zu sein, steht sie heutzutage zahlreich in Verbindung mit Depression, wird sogar als Vorstufe dieser betrachtet und bildet einen starken Kontrast zur Selbstoptimierung in unserer schnellen, aufgedrehten, bunten Welt voller glücklicher Instagramselfies.

Doch etwas in mir ist überzeugt davon, dass das nur eine mögliche Sichtweise ist, die wir uns als Gesellschaft gewählt haben. Etwas in mir ist überzeugt, dass Melancholie keine Vorstufe einer Krankheit ist, sondern ein Geschenk, ein Ruhemoment, eine Einladung ans Erinnern.
Etwas in mir ist überzeugt von einer Energie, die der Melancholie innewohnt.

Diese Energie möchte ich in den kommenden Wochen suchen und freue mich, wenn du mich begleiten möchtest.

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